31 Mar 2026, Tue

Abdullah und Nihal Özdemir: die Eltern, die einen Bundesminister formten

Cem Özdemir, Ancien député européen

Cem Özdemir, geboren am 21. Dezember 1965 in Bad Urach, ist der Sohn zweier türkischer Gastarbeiter, die sich erst in Deutschland kennenlernten. Sein Vater Abdullah, aus der anatolischen Provinz Tokat stammend, und seine Mutter Nihal, eine Offizierstochter aus Istanbul, kamen Anfang der 1960er-Jahre nach Deutschland. Damit legten sie das Fundament für eine der bekanntesten Politikerlaufbahnen der Bundesrepublik.

Zwei Welten, ein Sohn: die Herkunft der Familie Özdemir

Abdullah Özdemir: Vom anatolischen Dorf in die schwäbische Fabrik

Cem Özdemirs Vater kam 1961 als Wanderarbeiter aus der türkischen Provinz Tokat nach Deutschland und arbeitete zuerst in einer Textilfabrik im Schwarzwald, später bis zur Rente in einer Fabrik für Feuerlöscher. Der Vater Abdullah war tscherkessischer Herkunft und hatte in seiner Jugend nur drei Jahre die Schule besucht, weil er früh auf dem elterlichen Bauernhof mitarbeiten musste.

Trotz dieser bescheidenen Bildung war Abdullah Özdemir ein Mann mit klaren Prinzipien. Seinem Sohn gab er einen Satz mit auf den Weg, den Cem Özdemir bis heute wiederholt: „Denk daran, Junge, du repräsentierst nicht nur dich selbst, sondern uns alle. Auf dich schaut man mehr als auf jemanden, der Meyer heißt.” Die Krawatte, die Özdemir in jeder Kabinettssitzung trug, erklärt er als direktes Erbe dieses väterlichen Respektbegriffs. Der blaue Anton des Vaters in der Fabrik war bei ihm Anzug und Schlips des Ministers.

Nihal Özdemir: Von Istanbul nach Bad Urach

Nihal Özdemir stammte aus dem Stadtteil Beyoglu in Istanbul, wo das europäische Erbe der Stadt besonders lebendig geblieben ist. Als Offizierstochter aus einer bildungsbürgerlichen Familie Istanbuls war sie zunächst Arbeiterin in einer Papierfabrik, bevor sie eine Änderungsschneiderei eröffnete.

Das Reich der späteren Nihal Özdemir war ihre Nähstube, die sie über 27 Jahre in der Bad Uracher Altstadt betrieb. Ihr Sohn erinnerte sich: „Wenn ich an meine Mutter denke, dann sitzt sie in ihrer Schneiderei, zwischen Stoffen und Kleidern, vor sich die Nähmaschine. Sie lächelt und hat die große Schere in der Hand.” Es sei sicher nicht der Traum seiner Mutter gewesen, aus der großen Weltstadt Istanbul kommend im kleinen Bad Urach zu landen. Aber sie habe es zu ihrem Traum gemacht.

Eine Ehe, die in Deutschland begann

Abdullah und Nihal Özdemir kamen als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland und lernten sich erst in Bad Urach kennen. Als Nihal ihren späteren Mann zum ersten Mal sah, kannte sie ihn nur aus der Fabrik. Ihr Vater hatte ihr einst geraten, nicht nur die Hände eines Menschen anzusehen, sondern den Menschen selbst. Mit Abdullah Özdemir war sie schließlich 50 Jahre verheiratet. 2015 starb er.

Weltoffene Eltern, schwäbische Kindheit

Christbaum, Fasching und türkischer Konsulatsunterricht

Cem Özdemir beschreibt seine Kindheit als „perfektes Patchwork”. Seine Eltern lebten eine Weltoffenheit, die für ihre Zeit und ihren Hintergrund alles andere als selbstverständlich war. Die Mutter bestand darauf, dass ihr Sohn am evangelischen Religionsunterricht teilnahm, weil es keinen Ethikunterricht gab. Sie stellte einen Christbaum auf und ließ Cem an Fasching teilnehmen. Nachmittags wartete der türkische Konsulatsunterricht, ein Kontrast, der den jungen Özdemir nach seinen eigenen Worten „innerlich zerriss”.

Als Sohn von Gastarbeiterkindern hatte er es in der Schule zunächst nicht leicht, da die Sprachbarrieren seiner Eltern eine Unterstützung bei Hausaufgaben kaum möglich machten. Was ihm half, war die Nachbarschaft: Ein älteres schwäbisches Ehepaar, das er Oma und Opa nannte, lehrte ihn die Mundart und die Liebe zu Butterbrezeln.

Säkulare Muslime mit eigenem Kopf

„Wir waren keine Christen, sondern säkulare Muslime”, sagte Özdemir in einem Interview. Der Erziehungsstil seiner Eltern war für ein türkisches Gastarbeiter-Elternpaar der 1960er-Jahre bemerkenswert liberal. Als Nihals Bruder aus Istanbul zu Besuch kam und sich über den strickenden Cem echauffierte, zuckte der Vater mit den Schultern. Es sei gut, wenn der Junge möglichst viel mit seinen Händen beherrsche. Schimpfwörter waren im Haushalt tabu. Höflichkeit und Dankbarkeit galten als unverzichtbare Tugenden.

Arbeiterkind mit SPD-Erwartung

Die Eltern hatten durchaus eigene politische Vorstellungen für ihren Sohn. Als Sohn einer Arbeiterfamilie hätte er aus Sicht seiner Eltern besser zur SPD gepasst, räumte Özdemir offen ein. Die Grünen hatten in der Anfangszeit mit ihrem leger-alternativen Auftreten Nihals Misstrauen geweckt. Als Özdemir 1994 für den Bundestag kandidierte, waren seine Eltern kurz zuvor eingebürgert worden. Die Möglichkeit, den eigenen Sohn auf dem Stimmzettel ankreuzen zu können, machte alle Bedenken zunichte. Er beschrieb sie als „die stolzesten Eltern überhaupt”.

Das Erbe von Abdullah und Nihal

Zwei Gegenstände, die alles sagen

Zum 60. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens im Jahr 2021 nannte Özdemir zwei Objekte, die für ihn die Erinnerung an seine Eltern tragen: den schwarz-weiß gemusterten Wintermantel seines Vaters, den ihm seine Mutter einst schenkte, weil er die deutsche Kälte nicht gewohnt war, und die große Schneiderschere seiner Mutter. „Wenn der Mantel weg wäre, würde ich meinen Vater fast ein weiteres Mal verlieren, so fühlt sich das an”, sagte er.

Tod und Begräbnis in Bad Urach

Vater Abdullah starb 2015, Mutter Nihal im August 2021 im Alter von 88 Jahren. Beide wurden in Bad Urach beerdigt, auf dem muslimischen Teil des Friedhofs, den es mittlerweile dort gibt. Özdemir hob hervor, dass dies früher nicht selbstverständlich war. Verstorbene wurden damals oft in die Türkei überführt. Dass seine Eltern in ihrer schwäbischen Heimatstadt ihre letzte Ruhestätte fanden, ist für ihn Ausdruck dessen, was Deutschland als Einwanderungsland bedeutet.

Ehrenbürger in Abwesenheit der Eltern

Als Özdemir im Oktober 2024 zum Ehrenbürger von Bad Urach ernannt wurde, betonte er, dass seine Eltern diese Ehre ebenso verdient hätten und sie leider nicht mehr erleben konnten. Die Ehrenbürgerurkunde gilt in seiner Rede als stellvertretende Würdigung zweier Menschen, die mit nichts ankamen und durch Arbeit, Anstand und Offenheit eine Familie aufbauten, aus der ein Bundesminister erwuchs.

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